Das Internet hat sich anders entwickelt, als man es sich vorgestellt hat. Ursprünglich als Netz einer kleinen Klientel von Wissenschaftlern und Militärs vorbehalten ist das Internet ein weltumspannendes, Klassen übergreifendes Netz geworden, in dem sich kleine Kinder ebenso zurecht finden, wie neugierige Menschen älteren Semesters.
Das Netz ist sozial – Soziale Netzwerke
In der Menschengeschichte gab es nie zuvor einen Moment, in dem die Art wie wir kommunizieren sich so grundlegend geändert hat. Die Entwicklung unserer Schriftsprache hat Jahrtausende gedauert, vom ersten Strich mit einem Stück Kohle an einer Felswand, bis hin zu den ersten prosaischen Aufzeichnungen wie etwa dem Gilgamesch-Epos. Auch unsere Lautsprache hat sich über Generationen und Menschheitsalter entwickelt.
Sicher, wir sind innerhalb von zwei Jahrzehnten von festen Telefonanschlüssen mit hässlichen grauen Kästchen zu mobilen Telefonen gekommen, die den Kommunikator von James T. Kirk alt aussehen lassen.
Aber der Mobilfunk, so veränderlich er auch auf unseren Alltag gewirkt hat, ist ein kleiner Eingriff, im Gegensatz zu dem, was uns das soziale Internet bringt und noch bringen wird.
Der große Umbruch
Ob alt, ob jung, die Veränderung macht vor Niemandem halt. Alte Herren posten Videos von sich, in denen sie von ihren Kriegserlebnissen berichten. Beamte im öffentlichen Dienst arbeiten noch weniger als früher, da sie bei sozialen Onlinegames Felder bestellen müssen.
Die Grundlagen der Technik sind Ihnen in den meisten Fällen nicht bekannt und sie müssen auch nicht wissen, wie die Dienste funktionieren, die sie nutzen. Ganz im Gegenteil, das ist gar nicht gewünscht.
Der Trend geht hin zur größtmöglichen Distanz von der Technik. Vom raumfüllenden Z1 zum Tablet-PC in der Hand eines Kleinkinds war es nur ein kleiner Schritt.
Um noch einmal zum Mobilfunk zu kommen, schaut man sich die technische Entwicklung in Ländern der „Dritten Welt“ an, stellt man fest, das hier die technische Entwicklung nicht nachvollzogen wird. Sie wird übersprungen. In Schwarzafrika hat man meist kein fließendes, sauberes Wasser, häufig keine ausreichende Nahrungsversorgung, aber dafür sieht man viele Menschen mit einem Mobiltelefon am Ohr. Wer kein eigenes hat, kann an jeder Straßenecke ein Schild sehen, das einem ein Leihgerät anbietet.
Grenzen verschwinden, werden künstlich hochgehalten, aber der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten.
Die Welt wird kleiner.
Jeder wird zum Sender
Staatliche Meinungsmacher in Ländern mit rückständigen Systemen wie China, Neuseeland und Deutschland sehen sich mit einer neuen, noch kaum bekannten Bedrohung konfrontiert.
Anstatt nur zu konsumieren und sich mit vorverdauten Nachrichten abspeisen zu lassen, werden heute viele Bürger selbst zu einem Teil der Nachrichtenlandschaft und große Institutionen geraten ins Hintertreffen.
Jeder Nutzer ist Konsument, sehr viele sind aber auch Produzenten. Sie senden Millionen Statusberichte aus Krisenherden in aller Welt, geben in Echtzeit Auskunft über Ausschreitungen und filmen mit ihren Mobiltelefonen zeitgeschichtliche Dokumente von einer Brisanz, wie man sie auf einem Portal für Katzenvideos nicht vermutet hätte.
Ein solch demokratisches Werkzeug ist eine Bedrohung für die totalitären Regime, die Lügner und Verführer.
Das man mit sozialen Netzwerken Schnäppchen beim Technikkauf machen kann, wirkt daneben geradezu lächerlich unbedeutend.
Anbieter wir Groupon (ein Kunstwort aus Group und Coupon) vertreiben Wertgutscheine für Dienste und Leistungen aller Art, vom Saunabad bis zum Fallschirmsprung. Durch die soziale Interaktion, durch das Werben in sozialen Netzwerken können Kunden begeistert und gewonnen werden. Man setzt hier auf eine der ältesten und wirksamsten Werbemaßnahmen: Mundpropaganda
Der Nutzer, der eigentlich nur Freundschaftspflege betreiben möchte, wird so instrumentalisiert und lässt das mit sich machen, da er 30 Prozent auf einen Kaffeeautomaten bekommt.
Durch unseren kulturellen Fortschritt sind viele Menschen überflüssig für den reibungslosen Ablauf des Systems geworden, nicht wenige ziehen es vor gar nicht zu Arbeiten. Und warum sollten sie das auch noch?
Automation und Technisierung sorgen dafür, das wir eigentlich schon heute keine Zugführer, zum Beispiel, mehr benötigen. Würden wir den Nahverkehr in Deutschland automatisieren, wie es in Japan schon geschehen ist, käme es höchstwahrscheinlich zu weniger Ausfällen. In vielen Supermärkten werden heute Selbstbedienungskassen getestet oder gar bereits voll eingesetzt. Der Beruf der Kassiererin ist am Aussterben und fragen sie mal eine Kassiererin, was die davon hält. Artikel den lieben langen Tag über einen Scanner ziehen ist nicht wirklich reizvoll. Wirtschaftlicher wäre es all die Menschen, die wir solche eintönigen, monotonen Arbeiten schuften lassen, was eine Maschine besser machen würde, bei einer Mindestversorgung nach Hause zu schicken, dass sie dort konsumieren können, ihre Zeit totschlagen können und die Wirtschaft am Laufen halten. Prokrastination ist das Schlagwort.
Ein Bürger der sich seine Zeit auf einem sozialen Netzwerk vertreibt nimmt in kurzer Zeit ähnlich viel Werbung auf, als würde er einen Privatfernsehsender schauen. In wieweit er sich davon nun bei seinem Kaufverhalten beeinflussen lässt, sei mal dahingestellt.
Das Wissen der Welt
Alles Wissen der Welt wird im Netz frei verfügbar. Es dürfte wohl an niemandem vorbeigegangen sein, wenn YouTube auch am meisten unterhält, Wikipedia – der Vorreiter der sozialen Medien – hat die zivilisatorisch größte Auswirkung.
Umfangreicher als jedes jemals gedruckte Lexikon, immer auf dem neuesten Stand und dabei unabhängig von Politik oder wirtschaftlichen Interessen.
Wikipedia wird von einem festen Kern an Enthusiasten gepflegt und vorangetrieben. Aber kleine Änderungen kann jeder vornehmen. Das gesamte Wissen der Menschheit könnte so den Weg in die Schrift finden. Wer einen Fehler findet, korrigiert ihn.
Wenn Uneinigkeit besteht wird diskutiert.
Jeder Nutzer ist ein Teilhaber am Wissensschatz und eine Bereicherung. Viele Artikel sind noch nicht geschrieben, viele Verknüpfungen gehen ins Leere. Wer etwas weiß, darf sich mitteilen. Wer Mist baut fliegt.
Das Internet ist direkt und die Menschen in ihm machen Fehler. Es ist nicht perfekt, aber es wird mit jedem Moment besser.
Stop Online Piracy Act
Heute, wo ich diesen Text verfasse, sind manche amerikanischen Websites gesperrt, eine stille Protestbewegung gegen die neue Zensurinfrastruktur, die die amerikanische Regierung aufbauen möchte.
Unter dem Vorwand Internetpiraterie unterbinden zu wollen, baut man an einer Firewall die ungeliebte Seiten und Dienste ausschließt. Wissen ist gefährlich für die Mächtigen. Die katholische Kirche hat Jahrhunderte versucht die Bevölkerung dumm zu halten und wollte partout nicht, das die heiligen Worte ins Deutsche übersetzt wurden. Dumm halten, klein halten. Kontrolle.
Der Überwachungsstaat a la Orwell ist schon lange da. Ob eine Three-Strike-Politik oder die elektronische Gesundheitskarte.
Der letzte Schritt zum gläsernen Bürger ist ohnehin schon bald gemacht. Der neue Zensus hat heute keinen mehr aufgeregt. Volkszählung, das war früher mal ein Grund einen Krieg vom Zaun zu brechen. Heute konsumieren wir viel lieber. Wozu noch aufregen?
Gläserne Kunden sind wir ohnehin schon lange.
Was weiß Facebook nicht von Ihnen?
Oder sind sie einer der Glücklichen, die sich niemals auf ein soziales Netzwerk begeben haben?
Selbst dann wird Facebook vielleicht ihr Gesicht und ihren Namen kennen und wissen, mit wem sie wann verkehren und wieviel sie wovon getrunken haben.
Ein unbedachtes Foto eines Kollegen auf der Weihnachtsfeier, die Sekretärin trägt am Tag darauf die Namen brav ein und erlaubt so eine Verknüpfung von Gesicht und Identität – voila!
Ob Facebook oder Google Plus, für die Betreiber dieser Plattformen steht natürlich das wirtschaftliche Interesse im Vordergrund. Die Datensätze des Nutzers, der sich selbst viel öfter als Kunde und eben als Datensatz verstehen sollte, sind bares Geld wert.
Wenn man weiß, was sie gerne konsumieren, kann man ihnen das anbieten, kann ihnen das Geld aus der Tasche ziehen und sie finden es auch noch toll.
Der Nutzen den man als Nutzer hat, steht für einen selbst im Vordergrund: Ich kann mich exhibitionieren, mein Innerstes nach außen kehren und bekomme dafür ein paar Likes von Leuten, die ich nicht kenne, die mich in der Disse mal angerempelt haben und krampfhaft „Freunde“ suchen und sammeln.
Es ist nicht alles schlecht, was auf diesem Weg entsteht.
Ein nicht zu unterschätzendes Phänomen stellt auch das Crowd Sourcing da, das sich nicht selten zunächst aus sozialen Netzwerken geriert.
Menschen, die Ideen haben und diese verwirklichen wollen sind fast immer die, die es sich nicht leisten können ihre Idee in einem großen Maßstab umzusetzen. Immer war man von Mäzen, Unternehmen abhängig und eben genau das abhängig.
Jeder kann heute Kreative unterstützen und sich zudem einen kleinen Teil des Kuchens sichern, indem er einen kleinen Betrag in ein interessantes Projekt investiert und dafür dann Ware, Merchandising oder auch nur eine Danksagung erhält.
Spenden wird hier nicht zum reinen Selbstzweck, zur Beruhigung des Gewissens oder weil man ein Gutmensch ist, bei erfolgreicher Umsetzung bekommt der zahlende Unterstützer einen richtigen Gegenwert und wenn nicht, verliert er nicht einmal Geld. Eine Win-Win-Situation.
Die Türen sind weit aufgestoßen.
Eines der populärsten crowd-finanzierten Projekte ist die freie und dezentrale Facebook-Alternative Diaspora, die sich anschickt den populären, gewinnorientierten sozialen Netzen Nutzer abspenstig zu machen.
Der Mensch möchte frei sein, er mag keine Fesseln und Grenzen, die ihn einengen. Jedes restriktive und beschneidende System fällt früher oder später. Sieht man sich die Weltgeschichte an, mit ihren Diktatoren und wie schnell die Bevölkerung sich dieser entledigt, sobald eine Alternative in Sicht ist, die verlockend scheint, kann man zu keinem anderen Schluss kommen.
Facebook wird kaputt gehen. Die Nutzer werden sich seltener anmelden und was eben noch Milliarden wert war, ist bald ein Klotz am Bein und eventuell kauft es Rupert Murdoch noch, der versteht sowieso nichts.
Diaspora wird nicht das Ende sein.
Soziale Netze gebären ein soziales Netz, das weiter entwickelt ist. Evolution.
Da schließt sich der Kreis.
Alles wird gut.