Er kannte nichts anderes als die trockene, staubige Wüste. Die Hitze flirrte. Nichts lebte unter der Sonne, die so unbarmherzig brannte. Der Sand war glühend heiß. Das Geröll zerbarst in dem gleißenden Schein der Sonne. Sein Pferd, der einzige Freund den er hatte, so zuverlässig und vertraut, setzte seine Hufe nur kurz auf. Er sprang von einem Bein auf das andere und der Boden, festgebacken und steintrocken, bröselte unter den Hufen seines Pferdes. Sein Pferd hatte keinen Namen und auch er hatte keinen. Er hatte ihn abgelegt.
Sie ritten an einem Kadaver vorbei, das Tier war vor Ewigkeiten verendet. Es war einfach vertrocknet, das junge Kalb. Welch Verschwendung, nicht mal die Aasfresser wollten es haben. Er strich seinem Pferd beruhigend über den Hals. Es hatte die Anwesenheit der armen Seele gespürt. Tote Tiere ließen es immer verunsichert werden. Bei toten Menschen war das nie so. Es war ein seltsamer Gedanke, dass das Pferd seine tierischen Zeitgenossen mehr schätzte, als seine menschlichen.
Aber, wenn er genauer darüber nachdachte, es war doch eigentlich verständlich.
Der Mann hatte viel Zeit nachzudenken. Er hustete und spuckte aus. Es war nicht viel Speichel, er war viel zu Trocken, um Speichel zu produzieren. Er hatte seit einem Tag nichts getrunken, weil er kein Wasser mehr hatte. Die nächste Stadt war noch Meilenweit weg. Vielleicht würde er ja sterben. Verdursten, wie schon viele vor ihm. Aber daran glaubte er nicht. Er konnte es sich nicht vorstellen. An diesem Punkt war er schon öfter gewesen. Und bisher hatte er immer überlebt. Nichts hatte sich seitdem verändert. Die Prärie war noch wie früher. Er war ein bisschen älter, genauso wie sein Pferd. Aber die Prärie war wie immer. Sie war heiß, unbarmherzig und lebendig. Sie sah nicht so aus, aber sie lebte. Die Wüste lebte. Unter den Hufen seines Pferdes lebten Wesen, die sich niemals zeigten. Er wusste, dass sie da sind.
Denn er war bei ihnen gewesen. Seine Kehle brannte. Doch er wollte durchhalten. Er hatte sich aus diesem Loch frei gescharrt. Sie hatten ihn im Sand vergraben. Gerade, als er wieder daran dachte, dass er kein Wasser hatte, dass er vielleicht sterben würde, fiel ihm ein, dass er gar nicht mehr sterben konnte.
Konnten Tote erneut sterben? Er war doch tot gewesen, als sie ihn dort vergraben hatten. Sie hatten ihn getötet und vergraben.
Er war aufgewacht und hatte sein Pferd wiehern gehört. Ein leises Geräusch und es kam von über ihm. Er hörte ein scharrendes Geräusch. Sein Pferd wollte ihn ausgraben. Sie hatten ihn nicht tief vergraben, sie hatten sich keine Mühe mit dem Graben gegeben. Was sein Glück gewesen war.
Diese Geschichte ist schon ein bisschen älter, bin gerade eben in meinem Archiv drauf gestoßen
12.05.2004