Müllwagenfahrer in Brooklyn. Seine Eltern hatten gehofft, er würde es zu mehr bringen. Er hingegen fand seine Arbeit so schlecht nicht.
Alex Gordio, der die ovich-Endung, die sein Großvater noch im Namen getragen hatte, nie vermisst hatte, war 32 Jahre alt, hatte eine ziemlich heiße Freundin und liebte sein Leben.
Wie sehr wurde ihm bewusst, als ein Mann mit Balaklawa auf seinem Kopf einstieg und ihm einen Schalldämpfer an die Schläfe drückte.
Am Dialekt erkannte er den Mann als Ukrainer. Was für ein Zufall.
“Im letzten Müllcontainer war etwas, das ich verschwinden lassen möchte.”
Alex, ja, eigentlich hieß er ja Oleg, brachte nur ein “Okay” heraus. Er war noch nie überfallen worden, aber er wusste, was er zu tun hatte.
“Fahr.”, sagte der Mann.
Alex hörte etwas Klicken. An dem Schalldämpfer hing wohl ‘ne Knarre.
In dem Müll war bestimmt ‘ne Leiche, dachte Alex.
Er würde keine Dummheiten machen.
Er sollte fahren? Er würde fahren.
In einem Actionfilm würde er den Typen ganz einfach überwältigen und ihm mit dem Anspannen des Bizeps die Luft abschnüren.
Alex sah so aus, als könnte er das sogar. Aber bei knapp 1,65 Meter Körpergröße war es auch nicht allzu schwer muskulös und kraftvoll zu wirken. Er sah nicht hinüber zu dem Typen.
Alex würde nicht einmal darum bitten, dass er ihm die Waffe vom Kopf nahm.
Dabei hatte der Tag so gut begonnen. Er hatte einen Schichtwechsel vor sich und so lange geschlafen wie seit Monaten nicht. Alex liebte es zu Schlafen oder einfach nur im Bett zu liegen. Manchmal lag er da, dachte nach oder dachte auch mal nichts.
Seine Freundin hatte ihm einen geblasen, dann hatten sie gefrühstückt. Er war entspannt zur Arbeit gefahren, hatte dabei Musik gehört sich umgezogen und seine Route begonnen.
Im Radio hörte er dann von einem Wirtschaftstreffen, das der russische Präsident an der Wallstreet besuchen würde.
Der Mann, der ihm nun drohte, ihn zu erschießen war da gerade aus einer Linienmaschine aus Frankfurt gestiegen. Er hatte ein Allerweltsgesicht, graues Haar, Augen deren Farbe man nicht mit zwei Worten umschreiben konnte. Ihn zu identifizieren wäre für Alex unmöglich gewesen, zumal er ja nur die Augen sah. Tatsächlich gab es aber nicht einmal einen Kieferabdrück, anhand dessen man ihn hätte identifizieren können.
Er war ein namenloser Geist, geschickt um den russischen Präsidenten zu töten, im Auftrag eines außerordentlich mächtigen Oligarchen aus Sankt Petersburg. Kein Baulöwe oder Internetmulti.
Mädchenhändler.
Stand so auf seiner Visitenkarte.
Warum der Präsident nun dran glauben musste, wusste der Auftragsmörder nicht. Gerüchte Gerüchte.
Der Präsident kaufte sich keine Kinder. Er sah nicht aus wie ein Kinderficker und erst recht nicht wie einer, der seine Rechnungen nicht bezahlen konnte. Wahrscheinlicher war doch ein politischer Grund.
Leonid Irgendwas-ov war für den Westen zu konservativ, für die Konservativen im eigenen Lager bei Weitem zu westlich.
Von der Wahl der Autos, die er fuhr über die Anzüge, die er trug.
Sie hassten ihn für sein Oxfordenglisch, für seine modernen Ansichten über Menschenrechte und Vetternwirtschaft.
Wie hatte ein Mann wie er überhaupt zu diesem Amt kommen können?
Alex blendete die Scheinwerfer auf, sie fuhren in den Brooklyn-Battery-Tunnel hinein und er hoffte, auf der anderen Seite wieder lebendig heraus zu kommen.
“Wie weit ist es zur Abladestelle?”, fragte der Maskierte.
“Ich habe meine Route abgebrochen.”, sagte Alex. “Wir fahren direkt zur Verbrennungsanlage.”
“Tatsächlich?”, fragte der Mann, drückte die Waffe fester gegen Alex’ Schläfe. “Du bist sehr gut.”, sagte der Mann. “Eigeninitiative. Du denkst mit. Mach keinen Fehler und du kannst heute deinen zweiten Geburtstag feiern.”
Alex nickte.
Wurde dem nicht langsam mal der Arm schwer?
Alex hatte einen Fehler gemacht!
Er erkannte ihn, als er das Blaulicht sah. Zwei Einsatzwagen kamen ihnen auf den anderen Fahrspuren entgegen.
Sein Mülllaster war mit Ortungsgeräten ausgestattet. Er hatte für eine Anomalie in den Daten gesorgt, weil er zu früh, zu wenig beladen und im falschen Gebiet war. Außerdem fuhr er zu schnell.
Alex versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, noch hatte der Maskierte keinen Grund Verdacht zu schöpfen, trotz entgegenkommender Polizisten. Alex fuhr weiter.
Okay, die Straßenblockade, die jetzt vor ihnen auftauchte, war nicht mehr zu übersehen. Zwei Autos standen quer, versperrten die Weiterfahrt und automatische Maschinengewehre wurden von Polizisten in Schutzkleidung in Anschlag genommen.
Überrascht ließ der ukrainische Auftragsmörder die Pistole sinken.
Da machte Alex einen Kickdown, riss das Lenkrad des schwerfälligen Transporters herum und setzte den Lastwagen frontal gegen die Tunnelwand. Er hatte sich geduckt, der Airbag schoss über ihn hinweg. Alex ließ sich aus der Tür fallen und rannte ohne sich umzusehen vom Truck weg, während die Polizisten das Feuer eröffneten.
Er spürte den Windzug mehrerer Kugeln.
Alex rannte weiter.
Der Maskierte hieb seine Faust auf einen orangen Knopf. Die Müllpresse würde seinen Job zu Ende bringen.
Im Spiegel sah er den Müllmann am Boden liegen.
Alle Viere von sich gestreckt.
(Diese Kurzgeschichte basiert auf einem meiner Action-Träume, in denen ich immer Szenarien aus billigen Actionfilmen und scheußlichen Horrorfilmen überleben muss. Oder ich wache auf.)